Review Ötzi 2018

Heuer war es schließlich soweit. Nachdem alle bisherigen Anmeldungen erfolglos geblieben waren, klappte es dieses Jahr mit einem Startplatz beim „legendären“ Ötztal Radmarathon. Da sich dieser Radmarathon aufgrund seiner Eckdaten (238km, und 5500hm oder auch nicht, dazu komme ich noch) und der geographischen Lage als extrem beliebt bei unseren Nachbarn aus Deutschland und Italien erweist, ist die erste schwere Prüfung zunächst einen Startplatz zu erhalten.

Mit Erhalt eines Startplatzes war im März also die Entscheidung getroffen die Sache heuer durchzuziehen. Mit großen Vorsätzen fürs Training, die auch durch eine gewisse Ehrfurcht genährt wurden, ging es in die Saison. Bald war klar, dass heuer die Form stimmt und so wurde fleißig rein getreten und der Rennkalender mit längeren Missionen wie Mondsee 200km und Salzkammergut Trophy gefüllt. Am Ende standen am 31. August 3700 Trainingskilometer mit knapp 70.000 hm im Strava Account. Kundige würden das jetzt für den Ötzi wohl nicht als übertrainiert bewerten…..

Das Ziel war klar unter 10 Stunden zu bleiben. Eine Woche vorher begann das zittern ums Wetter sowie das lesen diverser Blogbeiträge und Ratgeber zu dieser Veranstaltung. Die Erkenntnis wie intensiv sich so mancher Hobbyathlet mit dieser Mission auseinandersetzt und was für Unsinn teilweise verzapft wird ließ mich etwas befremdet zurück. Wettertechnisch war die Devise „Winter is coming“ und so ergaben sich in der Woche vorm Rennen noch einige Blitzkäufe an Equipment (Stichwort Panzerhose) und auch die Vereinskollegen wurden ihrer Schlechtwetterausrüstung beraubt um den Präsidenten warm zu halten. Günter, der eigentlich mit mir heuer seinen zweiten Ötzi angehen wollte, hatte im Juni kalte Füße bekommen und seinen Startplatz retourniert. Nichtsdestotrotz lies er es sich nicht nehmen mich als Betreuer zu begleiten wofür ich nochmals herzlich danken möchte.

Die meiste Energie in der Rennvorbereitung floss definitiv in die Auswahl der Kleidung. Temperaturen um die 6° am Start und Regen und 5° am Kühtai am Renntag ließen mich die lange Wind und Regen dichte Maroitalia Winterhose (aka Panzerhose) wählen die mir mein Bruder Gerald ans Herz gelegt hatte. Die Furcht, in dieser Hose bei höheren Temperaturen zu verdampfen, veranlassten mich dazu entlang der Strecke in Innsbruck, am Brenner, am Jaufen und zum Schluss am Timmelsjoch bei Günter kurze Hosen und Beinlinge zu platzieren, in die ich im Notfall wechseln könnte. Das Gabba Regentrikot von Norbert sowie Überschuhe, Winterhandschuhe, Kappe und Windstopper komplettieren die Panzerung. Am Start war ich wie immer schockiert wie sehr Rennradfahrer die Hitze fürchten bzw. die Kälte unterschätzen. Hunderte Teilnehmern kamen zum Start in kurzen  Bibs ohne Beinlinge und !ohne! Überschuhe. Sie sollten im Laufe des Tages noch dafür büsen.

Nasse Bedingungen am Start und 4000 Teilnehmer in einer 30 km Abfahrt zu Beginn des Rennens verlangten mir Respekt ab, und so ging ich die erste Abfahrt ganz locker an. Wie erwartet, fand sich schon nach einigen Kilometern in einer schnellen links Kurve der erste Teilnehmer in der Leitplanke wieder und die blinkenden Blaulichter und schockierten Gesichter am Straßenrand ließen keinen Zweifel daran, dass heute erhöhte Vorsicht geboten war. Endlich an der ersten Auffahrt angekommen, begann das große Ausziehen und ich verlor dabei vermeintlich einen Handschuh den ich allerdings mit einem der vielen Handschuhe auf der Stecke substituieren konnte. Mein „extrem elaborierter“! Plan bezüglich „Pacing“ war plusmässig wenn möglich nicht über 170 bpm zu fahren. Die ersten Rampen am Kühtai ließen die Pumpe allerdings alsbald übers Ziel hinaus schießen. Maximalpuls hatte ich allerdings als mir unvermittelt bei der Auffahrt die Luft am Hinterreifen ausging. Schwerst demotiviert machte ich mich an die Reparatur, während Horden an Radlern an mir vorbei zogen. Die Reparatur kostete mich mindestens 10 Minuten und oben am Kühtai musste ich nochmals Luft nach pumpen. Die Wettersituation war wie erwartet verheerend, mit Nebel und Regen und um die 5°. Nachdem ich mich wieder eingepackt hatte, merkte ich schon auf den ersten Downhillmetern, dass die Panzerhose die richtige Wahl gewesen war. Trotzdem, hatte ich bald nasse Füße, da mir wiedermal der Anfängerfehler unterlaufen war, die Überschuhe nicht unter die Hose zu klemmen! Die Abfahrt gestaltete sich sehr kontrolliert und ich konnte trotz Regen doch einige Plätze gut machen. Im Flachen Richtung Innsbruck wurde mir bald klar, dass die sich hier formierenden Gruppen etwas zu gemütlich für mich fuhren. So saugte ich Gruppe um Gruppe an bis Anfang des Brenner etwas Ruhe einkehrte. Ein älterer deutscher Mitbewerber mit getapeter Sattelstützenklemme machte Richtung Brenner ordentlich Tempo und zog mich von Gruppe zu Gruppe vor. Endlich in der finalen Steigung, stand nun die Entscheidung an ob ich am Brenner die Panzerhose wechseln sollte, da meine Schwägerin dort dankenswerter Weise mit Material bereit stand. Ich entschied mich dagegen, da ich das Gefühl hatte das auch die Südseite heute nicht mit besserem Wetter aufwarten würde. Ohne die Brennerlabe zu nützen fand ich mich bald in Sterzing wieder und meine Motivation begann langsam wieder aufzukeimen.

Gleich zu Beginn des Jaufen Anstiegs fand ich einen guten Rhythmus, den ich eigentlich bis zum Gipfel durchziehen konnte. Ich hatte mittlerweile auch schon Fahrer im Feld, die versuchten mein Tempo mitzufahren und auch immer wieder überholten, dann schlussendlich aber raus nehmen mussten und zurück vielen. Guter Dinge kam ich am Pass an und fand wiedereinmal nur Nebel, Nässe und Kälte vor. Die Abfahrt war wieder von Vorsicht geprägt und so gut wie jeder Teilnehmern mit dem ich ins Gespräch kam meinte, dass es heute nicht um die Zeit geht, dass man sich ja nicht umbringen wollen würde und dass es sehr kalt sei. Mir war dank Panzerhose eher wohlig warm und so gings schon bald ans Eingemachte am letzten Anstieg.

Etwas über motiviert startete ich nach der langen Abfahrt vom Jaufen zu schnell Richtung Moos, wofür ich dann auch bald büsen musste. Es folgte wohl die schwerste Stunde in diesem Rennen, in der ich mich auf Essen und trinken konzentrierte. Die Erlösung erfolgte kurz vor der Labe Schönau, wo Günter bereit stand, als ich den Pace Maker für „unter 10h“ vor mir radeln sah. Er versicherte mir voll auf Kurs zu sein, was meine Hoffnung mein Ziel doch noch erreichen zu können wieder in greifbare Nähe rücken ließ. Günter erwartete mich wie geplant, jedoch halb erfroren, an der Labe und half mir meine Flaschen zu füllen, sodass ich etwas Zeit hatte ein Suppe zu trinken und etwas zu Essen. Als wir gemeinsam wieder los wollten versagte seine Schaltung und ich musste alleine weiter. Ein paar Meter bergauf stand ein älter Helfer am Parkplatz der jedem Teilnehmer versicherte, dass das Wetter bald besser werden würde. Sein Wort in Gottes Ohr, wurde es auf den letzten 300 hm richtig freundlich und sogar die Sonne kam erstmals richtig durch. Auch die Kraft kam auf den letzten Kilometern wieder zurück und ich realisierte, dass die Zeit noch unter 9:30 bleiben könnte. Als ich den Tunnel vorm Timmelsjoch durchquerte war klar, dass nun alles an Restenergie raus musste. Ich vergeudete nochmals ein paar Minuten mich für die Abfahrt anzuziehen um dann zu sehen, dass der letzte Downhill erstmals heute großteils trocken sein würde. Den letzten Gegenanstieg vor Obergurgel konnte ich voll auf Zug durchfahren und dabei noch einen Mitbewerber, der mich schon zwei mal am Timmelsjoch überholt hatte, wieder einholen. Ab dort gings fast nur mehr bergab und in den Flachstücken schoss ich nochmals alles raus was noch da war. Sogar ein Zielsprint ging sich noch aus. Mit 9:30:43 ging ich über die Ziellinie und beendet damit das Kapitel Ötzi vorerst.

Fazit: Mission Accomplished. Es geht sicher schneller. Wetter könnte besser gewesen sein. Viel gelernt. War halb so schlimm. Next Stop: Super Giro Dolomiti.

Danke fürs lesen und sportliche Grüße!

Woudel